Wenn der digitale Albtraum eincheckt
Foto: KI/MARC ANTON

Wenn der digitale Albtraum eincheckt

Warum Hotels und Gastronomiebetriebe besonders anfällig für Cyberangriffe sind und wie sie sich jetzt schützen können

von Karoline Giokas
Montag, 11.05.2026
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Die Zahlen lassen keinen Interpretationsspielraum zu: Cybervorfälle sind laut Allianz Risk Barometer 2026 zum fünften Mal in Folge das größte Geschäftsrisiko für Unternehmen in Deutschland und weltweit. 42 Prozent der Befragten nennen sie als Top-Risiko. Während Großkonzerne ihre Abwehrsysteme ausbauen, geraten kleine, mittelständische Betriebe zunehmend ins Visier. Ihnen fehlen oft die Ressourcen und die notwendigen Strukturen.

Für Hotels und Gastronomien verschärft sich die Lage, sie arbeiten täglich mit hochsensiblen Daten wie Kreditkarten- oder Passdaten. Das macht die Branche zu einem attraktiven Ziel für Cyberkriminelle.

Hendrik Schulze
Cybersecurity ist keine IT-Frage, sondern eine zentrale Managementaufgabe. Hendrik Schulze van Loon, Orca van Loon Communications; Foto: Marc Brüneke

Ein Angriff trifft den Betrieb ins Mark

„Jedes noch so kleine Hotel verarbeitet sensible Daten, das macht es angreifbar“, sagt Hendrik Schulze van Loon von Orca van Loon Communications, einer auf Krisenkommunikation und Reputationsmanagement spezialisierten Kommunikationsberatung. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von funktionierender IT. Fällt sie aus, gerät der Betrieb ins Wanken. Vom Check-in über digitale Schlüsselsysteme bis zur Abrechnung: Viele Prozesse sind heute vollständig digitalisiert. „Immer dann, wenn die Organisation handlungsunfähig wird, spricht man von einer Krise“, beschreibt Schulze van Loon den Kipppunkt. In der Praxis bedeutet das: Gäste können nicht einchecken, Rechnungen nicht gestellt werden, Systeme bleiben unerreichbar. Besonders tückisch: Viele Angriffe bleiben zunächst unbemerkt. „Täter verschaffen sich über scheinbar harmlose E-Mails oder Anhänge Zugang, bewegen sich im System und schlagen erst später zu – durch Verschlüsselung oder Datendiebstahl mit anschließender Erpressung.“

Der Mensch als Einfallstor

Technische Schwachstellen spielen eine Rolle, häufig beginnt der Angriff aber an ganz anderer Stelle. „Der Mensch ist in vielen Fällen der entscheidende Faktor“, so Schulze van Loon. „Gerade in der Hospitality, wo Schnelligkeit und Serviceorientierung zum Alltag gehören, entstehen typische Risiken. Eine vermeintlich dringende Anfrage, eine täuschend echte Buchungsbestätigung oder manipulierte Rechnung, schon ist der erste Schritt getan.“

Ist der Zugang einmal geschaffen, kann sich ein Angriff schnell ausbreiten. Fehlende Zugriffsbeschränkungen oder unzureichend gewartete Systeme erleichtern es Angreifern zudem, sich im Unternehmen auszubreiten.

Viele Angriffe beginnen nicht mit Technik, sondern mit Täuschung, etwa durch Phishing-Mails
Viele Angriffe beginnen nicht mit Technik, sondern mit Täuschung, etwa durch Phishing-Mails oder manipulierte Rechnungen. Mitarbeiter unter Zeitdruck sind oft besonders anfällig für Social  Engineering. Foto: Ticha/stock.adobe.com

Wenn nichts mehr geht

Kommt es zum Angriff, zählt jede Minute. Entscheidend ist zunächst, die Lage zu erfassen und schnell zu handeln. Schulze van Loon betont, dass Betriebe dann klare Strukturen brauchen: Wer entscheidet? Wer kommuniziert? Wer holt externe Hilfe?

Parallel dazu muss die technische Analyse anlaufen. Nur so lässt sich klären, wie weit der Angriff fortgeschritten ist und welche Systeme betroffen sind. Gerade in Hotels kann das unmittelbare Auswirkungen auf den Betrieb haben, wenn etwa Zahlungssysteme ausfallen oder Gäste nicht mehr auschecken können. Gleichzeitig beginnt die kommunikative Herausforderung. Mitarbeiter müssen informiert werden, ohne zusätzliche Unsicherheit zu erzeugen. Gäste erwarten Orientierung und Lösungen.

Check-in über Schlüsselkarten
Vom Check-in über Schlüsselkarten bis zur Warenwirtschaft läuft heute vieles digital. Fällt die IT aus, steht oft der gesamte Betrieb still. Foto: mxpixvect/Stock.adobe.com/generiert mit KI

Kommunikation entscheidet über Vertrauen

„Viele Unternehmen machen in dieser Phase den Fehler, entweder zu spät oder zu unklar zu kommunizieren“, sagt Schulze van Loon. Dabei gehe es nicht darum, jedes Detail sofort zu kennen, sondern transparent mit der Situation umzugehen. Denn gerade in der Hospitality ist Vertrauen ein zentrales Gut. Gäste müssen wissen, woran sie sind, wenn bestimmte Services nicht verfügbar sind. Gleichzeitig gilt es, die Balance zu halten: Offenheit ohne unnötige Verunsicherung. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen. Datenschutzverletzungen müssen innerhalb kurzer Fristen gemeldet werden. Versäumnisse können nicht nur rechtliche Folgen haben, sondern auch den Imageschaden erheblich vergrößern.

Vorbereitung ist der beste Schutz

So komplex Cyberangriffe erscheinen, viele Risiken lassen sich im Vorfeld reduzieren. Entscheidend ist, dass sich Betriebe mit dem Thema auseinandersetzen. Schulze van Loon beobachtet hier vor allem im Mittelstand Nachholbedarf. „Wer digital arbeitet, kann auch angegriffen werden“, sagt er. 

Wichtig sei es deshalb, klare Strukturen zu schaffen, Verantwortlichkeiten zu definieren und regelmäßig zu überprüfen, ob Systeme und Prozesse auf dem aktuellen Stand sind. Ebenso zentral sind funktionierende Notfallpläne, die im Ernstfall Orientierung geben. 

Ein Ansatz, der dabei helfen kann, ist die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Disziplinen wie im Enur-Netzwerk, einem Expertennetzwerk für Unternehmensresilienz, das u. a. Hendrik Schulze van Loon gegründet hat. Hier werden Kompetenzen aus IT-Sicherheit, Forensik, Recht, Versicherung und Kommunikation gebündelt, um Unternehmen ganzheitlich auf Krisen vorzubereiten und im Ernstfall zu unterstützen.

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