Wenn weniger plötzlich mehr ist
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Wenn weniger plötzlich mehr ist

ANTONIEWICZ denkt weiter

von Heiko Antoniewicz
Donnerstag, 23.07.2026
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Der Fokus liegt wieder mehr auf dem eigentlichen Lebensmittel, dem Geschmack und darauf, was ein Gericht eigentlich erzählen soll. 

Natürlich hat das auch praktische Gründe. Aufwändige Küchenstile brauchen viele Hände und die fehlen heute oft. Die Rückkehr zur Einfachheit auf dem Teller bedeutet aber nicht automatisch Verzicht. Im Gegenteil. Die wahre Kunst liegt heute darin, dass sich Minimalismus luxuriös anfühlt. Wenn nur drei oder vier Komponenten auf dem Teller liegen, kann man sich keine Fehler erlauben. Dann zählt jeder Gargrad, jede Textur, jede Würzung. Gerade Gemüse ist da gnadenlos ehrlich. Es verzeiht nichts.

Essen erzählt Erinnerungen

Was dabei besonders fasziniert: Viele dieser reduzierten Gerichte arbeiten mit Erinnerungen. Nicht zufällig tauchen  heute wieder Kindheitsgerichte in moderner Form auf. Das hat einen einfachen Grund: Essen ist emotional. Es gibt Gerüche, die uns sofort berühren. Frisch gebackenes Brot. Waffeln. Apfelkuchen. Das sind Aromen, die bei vielen Menschen unmittelbar etwas auslösen. Genau darin liegt die Kraft von Essen. Doch Nostalgie allein reicht nicht. Man muss ein Gericht mit Herz füllen. Gäste spüren, ob jemand eine Geschichte wirklich fühlt oder ob sie nur konstruiert ist. Essen muss also emotional ehrlich sein.

Warum alte Gerichte plötzlich neu schmecken

Interessant ist dabei, wie sich unsere Wahrnehmung verändert hat. Viele Lebensmittel, die früher als Arme-Leute-Essen galten – Steckrüben, Graupen oder Hering –, erleben heute eine kulinarische Renaissance. Moderne Techniken, neue Garverfahren und internationale Einflüsse haben ihren Geschmack völlig neu definiert. 

Ich denke da oft an den dicken Bohneneintopf meiner Mutter, früher ein klassisches Gericht mit Schweinebauch und kräftiger Bindung. Heute würde ich bei den Bohnen mit anderen Texturen arbeiten, das Fleisch sanfter garen. Die Erinnerung bleibt trotzdem. Genau das hat mich bei meiner Heringskiste beschäftigt. Der Hering war einst ein rustikales, manchmal fast strenges Lebensmittel. Heute verändern Fermentation, präzisere Verarbeitung und neue kulinarische Einflüsse seinen Geschmack, machen aus ihm etwas Elegantes, Feines und Überraschendes.

Die Zukunft liegt im Wesentlichen

Ich glaube, die Zukunft der modernen Küche liegt nicht im ständigen Mehr, nicht in immer spektakuläreren Inszenierungen, sondern in der Fähigkeit, Emotionen durch Klarheit entstehen zu lassen. Manchmal reichen braune Butter, gehackte Petersilie und ein perfekt gegartes Lebensmittel aus, um Menschen wirklich zu berühren.


Heiko Antoniewicz
Foto: privat

Der Autor

Heiko Antoniewicz

Heiko Antoniewicz steht wie kaum ein anderer für kreative Spitzenküche mit Substanz. Der renom­mierte Koch, Autor und Berater inspiriert mit seinem Gespür für Aromen, Technik und Trends. Für HOGAPAGE teilt er sein Wissen – praxisnah, leidenschaftlich und visionär.

www.antoniewicz.org

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